Datenmigration im E-Commerce: Wer wartet, verliert

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Autorenbild Tiffany Wiener von ATAMYA

Tiffany Wiener

18 / 06 / 26·11 Min Lesen

Datenmanagement

Interview mit den PIM-Experten von ATAMYA und netcare

Wer heute Produktdaten migriert, tut das selten aus Lust am Wandel. Die meisten Unternehmen kommen, wenn die Schmerzgrenze erreicht ist. Wenn Excel nicht mehr reicht. Wenn der Omnichannel-Betrieb auf brüchigen Datenstrukturen zusammenbricht. Wenn die KI-Investition sinnlos wird, weil das Datenfundament fehlt.

Genau an diesem Punkt setzt die Arbeit von ATAMYA und netcare an. Dominik Schröter, Head of Software Development & Quality Assurance bei netcare, begleitet PIM-Migrationsprojekte seit Jahren aus der Implementierungsperspektive. David Klein, Senior Consultant bei ATAMYA, kennt die Daten- und Prozessprobleme seiner Kunden aus hunderten Projekten. Im Gespräch mit Tiffany Wiener erzählen beide, was wirklich schiefläuft – und wie man es besser macht.

Unsere Gesprächspartner

Dominik Schröter – netcare

Head of Software Development & Quality Assurance. Dominik begleitet PIM-Projekte von der ersten Datenanalyse bis zum Go-Live. Sein Fokus: saubere Architekturen, realistische Zeitpläne, ehrliche Beratung.

David Klein – ATAMYA

Senior Consultant. David begleitet Unternehmen durch PIM-Projekte – von der ersten Bestandsaufnahme bis zum Go-Live. Er kennt die Datenchaos-Klassiker aus eigener Anschauung: mehr als 17 Varianten des Merkmals „Länge“ bei einem einzigen Kunden sind für ihn keine Ausnahme, sondern Alltag.

Warum migrieren Unternehmen heute und was ist der häufigste Auslöser?

Dominik Schröter: Die Unternehmen kommen meistens dann zu uns, wenn die Schmerzgrenze erreicht ist. Wenn die Ambitionen der Fachabteilungen an den Grenzen steinalter Altsysteme scheitern. Der Omnichannel-Druck ist dabei oft der unmittelbare Auslöser: B2B-Shop, internationale Marktplätze, länderspezifische Kanäle – mit fragmentierten Strukturen und manuellen Excel-Tabellen bricht dieses Kartenhaus irgendwann schlicht zusammen.

David Klein: Hinzu kommt die Time-to-Market. Wenn eine neue Produktlinie Monate braucht, weil Daten manuell kopiert und gepflegt werden, läuft wertvolle Marge davon. Und dann gibt es noch den KI-Moment: Viele Unternehmen merken gerade, dass sie moderne Technologien – wie automatisierte Produktbeschreibungen oder KI-gestützte Datenanreicherung – gar nicht nutzen können. Nicht weil die Technologie fehlt, sondern weil das Datenfundament lückenhaft ist. Daten müssen möglichst granular sein, damit man im Internet damit arbeiten, Produkte finden und Kanäle befüllen kann. Wer das nicht hat, blockiert sich selbst.

 

Was sollte ein Unternehmen als allererstes tun, bevor es eine Migration angeht?

Dominik Schröter: Unsere goldene Regel: Eine erfolgreiche Migration beginnt nie mit Code oder technischen Mapping-Tabellen, sondern mit einem ehrlichen Kassensturz. Wir starten mit einem Daten-Audit – welche Daten sind da, in welcher Qualität, was kann weg. Und dann kommt die wichtigste Frage: Prozesse vor Datenfeldern. Wir müssen verstehen, wie Daten im Unternehmen entstehen und wer die Verantwortung trägt. Ein PIM-Projekt ist zu 70 Prozent Organisationsentwicklung und zu 30 Prozent IT.

David Klein: Ich ergänze das gerne um die Kanal-Frage: Was will ich mit den Daten machen? Muss ich Konfiguratoren befüllen? Muss ich besser gefunden werden? Muss ich Bilder so aufbereiten, dass Google-Bildersuche und KI-gestützte Produktfinder damit arbeiten können? Das sagt mir viel darüber, was ich mit den Daten tun muss – und was ich schon vor der Migration vorbereiten sollte. Außerdem: Wie viel muss ich mit Fremdsystemen kommunizieren? Warenwirtschaft, ERP, eigene Systeme – das gehört von Anfang an mitgedacht.

 

Welche Altlasten schleppen Unternehmen am häufigsten mit?

Dominik Schröter: „Historisch gewachsen“ ist nach unserer Erfahrung meistens die nette Umschreibung für jahrelanges Wildwachstum. Die Klassiker: Daten-Dubletten, kryptische Freitexte statt strukturierter Attribute und Schatten-IT – die geschäftskritische Excel-Tabelle, die auf dem Desktop eines einzelnen Mitarbeiters liegt. Wir führen sehr früh tiefe Stichproben-Analysen durch. Wenn bei der Hälfte der Produkte Pflichtattribute fehlen oder Maße mal in Millimeter, mal in Zentimeter gepflegt sind, halten wir dem Kunden den Spiegel vor.

David Klein: Wir hatten schon mehr als 17 verschiedene Varianten des Merkmals „Länge“ bei einem großen Kunden. Das glaubt man kaum – aber solche Fälle sind keine Ausnahme, sondern Standard. Die entscheidende Frage lautet nicht: Sollen die Daten perfekt sein, bevor ich migriere? Sondern: Was nehme ich mit ins PIM – und was nicht? Eine Produktvariante, die vor 20 Jahren jemand gekauft hat und die seither niemand mehr braucht, sollte nicht übernommen werden. Damit meine ich nicht löschen, sondern einfach: nicht migrieren.

 

Wo scheitern Migrationsprojekte erfahrungsgemäß?

Dominik Schröter: Fast nie an der Software. Drei Muster begegnen uns regelmäßig. Erstens das „IT-Projekt“-Missverständnis: Wenn das Projekt rein in die IT abgeschoben wird, fehlen die Anforderungen aus Business, Marketing und Produktmanagement. Die IT liefert Infrastruktur – aber das Business muss die Ziele definieren. Zweitens fehlende Data Governance: Wer nach dem Go-Live ohne klare Prozesse mitediert, kollabiert die Datenqualität in kürzester Zeit wieder. Drittens der Lift-and-Shift-Irrglaube: zu denken, man schiebt alte, unstrukturierte Daten 1:1 ins neue System und alles wird gut.

David Klein: Es gibt noch einen Stolperstein, den ich immer wieder sehe: fehlende Entscheidungshoheit. Wir hatten Kunden, bei denen Entscheidungsgruppen Dinge beschlossen haben – und bei der nächsten Review-Runde wieder alles angepasst wurde. So dauert ein Projekt in die Ewigkeit. Irgendwann muss jemand auf den Tisch hauen und sagen: „So machen wir das jetzt.“ Und dann gibt es noch die Prozessfrage: Man muss offen sein, Prozesse anzupassen. „Wir haben das immer so gemacht“ ist kein Argument – schon gar nicht, wenn man die Hälfte der Arbeitszeit einsparen kann.

 

Was erwarten Unternehmen heute von einem modernen PIM?

David Klein: Das PIM soll automatisieren. Massiv. Nicht einzelne Schritte – sondern Prozesse. Regeln, die laufen, ohne dass ein Mensch ständig überwacht. Neue Daten kommen rein, ein Prozess startet automatisch. Ich möchte mehr Produkte in besserer Qualität an viele Kanäle ausspielen – einfach, ohne bei jedem Schritt manuell eingreifen zu müssen. Neue Kanäle soll ich konfigurieren und selbst steuern können, ohne jedes Mal einen Entwickler zu brauchen. Und ich möchte mit KI kommunizieren – meiner eigenen oder einer externen – und ihr Informationen geben, die bei mir bleiben: für Textgenerierung, Qualitätsprüfung, Einheitenchecks, Übersetzungen.

Dominik Schröter: Die Anwender wollen außerdem keine starren Datenbanken mehr. Sie erwarten Oberflächen, die sich so intuitiv bedienen lassen wie moderne SaaS-Tools. Und das Datenmodell muss morgen eine neue Produktkategorie abbilden können – ohne monatelanges Entwicklungsprojekt.

 

Wie sollte ein modernes PIM aufgebaut sein, damit es komplexe Datenstrukturen aus ERP, PLM oder MDM aufnehmen kann?

Dominik Schröter: API-First und Cloud-native sind für uns keine Buzzwords, sondern Grundvoraussetzungen. Daten müssen in Echtzeit fließen – vorbei an nächtlichen Batch-Jobs. Das PIM muss sich nahtlos an ERP, PLM und DAM anbinden lassen. Unsere Rollenverteilung: Das ERP bleibt das führende System für transaktionale Daten wie Preise und Bestände. Das PIM wird die unumstrittene Single Source of Truth für alle Marketing- und Vertriebsinformationen.

David Klein: Vor fünf Jahren hatten wir die Chance, ein PIM auf der grünen Wiese neu zu denken – mit über 30 Jahren Erfahrung im Gepäck und ohne die technischen Kompromisse gewachsener Systeme. Der Weg war klar: MACH – Microservices, API-First, Cloud-native, Headless. Das bedeutet konkret: Egal ob ERP, PLM oder MDM, jedes System kann über standardisierte Schnittstellen Daten liefern und empfangen. Wenn ein Microservice zu 80 Prozent ausgelastet ist, skaliert er automatisch. Ich kann einzelne Komponenten updaten, ohne Angst zu haben, dass auf der anderen Seite etwas zusammenbricht. Wer heute auf moderne Technologien setzt, baut nicht nur für die Gegenwart – sondern schafft die Grundlage dafür, dass neue Entwicklungen wie KI oder Automatisierung nahtlos integriert werden können.

 

Wie sorgt ein PIM dafür, dass Datenqualität langfristig erhalten bleibt?

Dominik Schröter: Datenqualität ist kein einmaliges Projekt-Event, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Garbage in, Garbage out – das gilt nach wie vor. Wir implementieren Validierungsregeln: Ein Produkt kann das PIM erst verlassen, wenn der Data Quality Score vollständig erfüllt ist. Text vorhanden, Bild verknüpft, Maße gepflegt. Dazu kommen automatisierte Freigabeprozesse und zentrale Pflege statt Silos – wenn alle Teams im selben System arbeiten, fliegt Datenmüll sofort auf.

David Klein: KI hilft hier enorm. Rechtschreibprüfung, Einheitenchecks, Konsistenzanalyse – das muss ich nicht mehr manuell überwachen. Und wenn ich einen Prozess sauber aufgesetzt habe, muss ich mir keine Gedanken mehr machen, ob der Preis im Datenblatt korrekt ist. Ich synchronisiere ihn über die API, bevor das Datenblatt erzeugt wird. Das kann dann gar nicht mehr falsch sein. Wichtig bleibt der Human-in-the-Loop.

 

Was spricht für Cloud-Betrieb – und warum zögern viele Unternehmen noch?

David Klein: Die technischen Vorteile sind klar: automatische Skalierung, Zero-Downtime-Updates, einfachere Integration anderer Systeme. Ich kann Microservices einzeln aktualisieren, ohne das Gesamtsystem anzufassen. Und ich bin zukunftssicher: kleinere Baustellen, automatische Tests, keine monolithischen Abhängigkeiten. Die Cloud-Ängste sind oft datenschutzgetrieben. Aber ATAMYA ist so gebaut, dass wir im Falle von Änderungen bei Cloud-Providern umziehen können. Unser Rechenzentrum steht in Frankfurt – mit klaren vertraglichen Regelungen. Die Bedenken sind verständlich, aber mit modernen Vertragsstrukturen und DSGVO-konformen Setups lösbar.

Dominik Schröter: Wir zeigen den Kunden den langfristigen Nutzen: Keine aufwendigen Upgrade-Projekte alle zwei Jahre mehr, das System ist immer aktuell, interne Wartungsaufwände sinken drastisch. Und die Sorge, dass historisch gewachsene Individualanpassungen in einer SaaS-Cloud nicht mehr abbildbar sind – die nehmen wir durch Beratung und Beweis. Moderne APIs lösen diese Anpassungen deutlich sauberer als monolithischer Custom Code.

 

Welches Missverständnis über Datenmigration begegnet euch am häufigsten?

David Klein: Dass sie ewig dauert. Das ist das größte Missverständnis – und es dauert nur dann ewig, wenn man vorher zu lange darüber redet, statt irgendwann anzufangen. Das Überspezifizieren ist das eigentliche Problem. Bei ATAMYA kann ich ein Datenmodell exportieren, anpassen und wieder importieren. Ich kann Masseneditierungen vornehmen. Ich kann über validierte Excel-Exporte schnell Daten bereinigen. Fehler können so schnell korrigiert werden, dass man sich darum keine großen Gedanken machen muss. Wir legen los – und passen an.

Dominik Schröter: Drei Mythen, die wir im Erstgespräch regelmäßig aufdecken: „Das PIM räumt unsere Daten von alleine auf.“ – Nein, das System stellt Werkzeuge bereit, aber die konzeptionelle Arbeit müssen wir gemeinsam leisten. „Wir migrieren erst, wenn unsere Daten perfekt sind.“ – Der perfekte Zeitpunkt kommt nie. Das Aufschieben vergrößert nur die technischen Schulden. „Das ist ein reines IT-Projekt.“ – Ein fataler Ansatz. Wir begleiten hier ein Change-Projekt, das die Arbeitsweise ganzer Abteilungen verändert.

 

Woran merken Unternehmen nach dem Go-Live, dass sich der Aufwand gelohnt hat?

David Klein: Den Erfolg merkt man nicht erst nach dem Go-Live – man merkt ihn schon vorher. Unser Ansatz: Proof of Concept. Wir setzen uns mit den Projektbeteiligten zusammen, definieren die zwei größten Hürden und beweisen, dass wir sie überwinden können. Wenn das gelingt, ist der Rest Konfiguration und Fleißarbeit. Dabei lernen die Beteiligten sich kennen, lernen die Software kennen und lernen, miteinander zu arbeiten. Wir haben Projekte gesehen, bei denen Mitarbeitende befördert wurden, weil sie im PIM-Projekt so gute Arbeit geleistet haben. Das ist kein Nebeneffekt – das ist strategische Wirkung.

Dominik Schröter: Das Marketing kann Kampagnen in Tagen statt Wochen ausrollen. Der Kundenservice berichtet von massiv weniger Rückfragen zu Produkteigenschaften. Und das Excel-Ping-Pong in den Teams ist Geschichte. Mein Rat an alle Zögerer: Wer heute nicht in seine Produktdatenbasis investiert, verliert in den nächsten Jahren den Anschluss bei Automatisierung, Marktplatz-Anbindungen und KI-Anwendungen. Die Migration ist kein lästiges IT-Übel. Sie ist das strategische Fundament für Wettbewerbsfähigkeit von morgen. Startet klein. Aber startet jetzt.

 

Fazit: Wer auf perfekte Daten wartet, wartet vergeblich

Die meisten Unternehmen beginnen ihre Migration erst dann, wenn die Schmerzgrenze erreicht ist. Doch erfolgreiche Projekte starten früher: mit klaren Zielen, einer realistischen Bestandsaufnahme und der Bereitschaft, bestehende Prozesse zu hinterfragen.

Genau darin sind sich ATAMYA und netcare einig: Eine PIM-Migration ist kein technisches Pflichtprojekt. Sie schafft die Grundlage für bessere Produktdaten, schnellere Prozesse und eine zukunftssichere Produktkommunikation.

Wer Produktdaten zentralisiert, gewinnt Übersicht. Wer Übersicht gewinnt, kann Prozesse automatisieren. Wer Prozesse automatisiert, gewinnt Time-to-Market – und den Anschluss an Omnichannel-Vertrieb und KI.

 

Sie möchten das Gespräch fortsetzen?

David Klein und Dominik Schröter sind am 23. und 24. Juni 2026 auf der K5 Conference in Berlin vor Ort – gemeinsam am ATAMYA-Stand in Halle 1, Stand 39. Wer die Fragen aus diesem Interview persönlich vertiefen möchte, findet dort die richtigen Ansprechpartner.

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